Freitag, 30. Januar 2015

"Der Pakt der Nacht" - 1. Kapitel, unveröffentlichte Version 1.3

"Der Pakt der Nacht" ist der erste Roman, für den ich insgesamt vier verschiedene erste Kapitel geschrieben habe (über alle weiteren Planungen siehe meine unverwendeten Whiteboard-Aufzeichnungen ...).


Der Roman, wie er jetzt vorliegt, ist daher Version 1.4.
In der vorherigen Version hätte es noch ganz anders losgehen sollen - ein Name hat es aber in die 4. Version geschafft, wenn auch unrühmlich. Mal sehen, ob ich ihn vielleicht sogar als Figur behalte, für den nächsten Roman. ;)

Mir war der Anfang dann doch etwas zu viel Liebesroman und zu wenig Urban Fantasy.
Aber er ist komplett im Stehen in der Küche auf dem iPad an der Anrichte entstanden - und so eine impulsive Kreativität bzw. so ein kreativer Impuls bleibt im Gedächtnis haften. ^^

Ich werde demnächst auch Version 1.2 veröffentlichen. Die Vorlage, auf der der Roman in seiner Endfassung im Wesentlichen auch aufbaut, zumindest die erste Hälfte.
Version 1.1 übrigens, die ich leider gelöscht habe, ist wiederum die, in der all die Elemente stecken, die ich in Version 1.4 erneut aufgegriffen habe, die ich in 1.2 und 1.3 verworfen hatte.

Etwas verwirrend? Gewöhnt euch daran.
Kreative denken und arbeiten meistens von hinten durch die Brust ins Auge. ;)

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Version 1.3, Kapitel 1:

MARC THOMAS

Die Söhne des Mondes



 1.

»Legen Sie das bitte wieder hin!«
Grace Porter zuckte bei den Worten in ihrem Rücken zusammen. Sie ließ das handflächengroße Amulett aus Bronze so schnell auf den Tisch fallen, als habe sie sich die Finger daran verbrannt.
»Ich ... entschuldigen Sie«, setzte sie zu einer Antwort an, »... ich wusste nicht ...«
»Dass Sie jemand beobachten würde?«, vervollständigte die markante Stimme ihren Satz. Täuschte sie sie, oder lag in den Worten ein belustigter Unterton. Das unbewusst schlechte Gewissen, ertappt worden zu sein, wich nun einer Verärgerung.
»Hören Sie«, stieß sie aus und drehte sich zu der Stimme um. »Ich ...«
»Wusste nicht, dass das hier nicht der Souvenir-Shop ist?«, wurde ihr abermals die Antwort abgenommen. Diesmal klang die Stimme noch etwas belustigter.
Grace konnte von dem Mann im Türrahmen nur den Umriss erkennen. Er stand im Gegenlicht der Nachmittagssonne, die durch die breite Fensterfront in den abgedunkelten Raum schien, in dem nicht mehr leuchtete als eine einsame Schreibtischlampe.
Der Mann überragte sie um gut einen halben Kopf, stellte Grace fest. Und das, obwohl sie heute sogar Schuhe mit hohen Absätzen trug. Sie schätzte, dass sie ihm gerade einmal bis zum Kinn reichte, würde sie barfuß stehen.
’Du hast Sorgen’, schalt sie sich.
Der Fremde machte einen Schritt auf sie zu. Unwillkürlich wich Grace zurück und stieß mit der Hüfte so fest gegen die Schreibtischkante, dass der Tisch ein Stück nach hinten ruckte.
»Vorsicht«, meinte der Mann. In seiner Stimme lag kein Spott, obwohl Grace unwillkürlich damit gerechnet hatte. »Ich möchte nicht, dass den Artefakten etwas zustößt«, fuhr er fort.
Grace schnaubte.
Sie stellte fest, dass er nach wie vor die Hände lässig in den Hosentaschen seines Anzugs gesteckt hatte. War der etwa maßgeschneidert? ’Bild’ dir bloß nichts ein’, dachte sie. ’Bei George Clooney sieht das vielleicht cool aus. Aber bei dir ...’ - auch, musste sie sich eingestehen. Der Mann bewegte sich mit einer Geschmeidigkeit, dass sich Grace prompt fragte, ob er vielleicht sogar Schauspieler war. Oder wenigstens Model.
Noch immer lag sein Gesicht im Halbdunkel des Arbeitszimmers verborgen, obwohl er keinen Schritt mehr von der jungen Frau entfernt stand. Er beugte sich vor. Der Lichtkegel der Schreibtischlampe erfasst nun endlich sein Gesicht.
Ein Schauder lief Graces Oberarme entlang. Sein Gesicht war ... - perfekt.
Vielleicht etwas zu scharf geschnitten, stellte sie nur einen Moment später fast schon beruhigt fest. Doch selbst bei Statuen aus dem antiken Griechenland hatte sich solch ebenmäßige Gesichtszüge noch nie gesehen. Um seinen Mund lag allerdings ein düsterer Zug, den sie nicht zu deuten wusste.
Zwei graublaue Augen musterten sie aufmerksam. Im Schein der Lampe leuchteten sie wie Gebirgswasser, das im Sonnenlicht glitzerte.
»Darf ich fragen, was Sie hier machen, Miss ...?«, unterbrachen seine Worte ihre Gedanken.
»Port-«, antwortete Grace wie im Reflex und unterbrach sich. Sie riss sich endlich von seinen Augen los und hatte umgehend das Gefühl, wieder zur Besinnung zu kommen. »Was geht Sie das an?«, fauchte sie. »Sie stehen einfach in meinem Rücken, erschrecken mich und erwarten, dass ich Ihnen so einfach bereitwillig Auskunft gebe?!«
Der Mann nickte.
»So etwas in der Art, ja«, meinte er wie selbstverständlich.
Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Der düstere Zug verschwand, und in seinen Augen glaubte Grace es für einen Moment aufblitzen zu sehen.
»Das ist ja wohl -«, wollte sie aufbegehren, presste dann aber die Lippen aufeinander, um nichts zu sagen, was ihrer Erziehung widersprach.
’Pfeif auf meine Erziehung!’, dachte sie bei sich. ’Dem Kerl geige ich jetzt meine Meinung!’ Sie stemmte die linke Faust in die Hüfte, hob den Zeigefinger der rechten Hand an - da kommt die Dozentin durch, ging es ihr durch den Kopf - und baute sich vor dem Mann auf.
»Mister Caine!«, schallte eine ihr bekannte Stimme vom Türrahmen zu ihr herüber. »Das ist - ich habe gar nicht mit Ihnen ... Wie kann ich Ihnen helfen, Sir?«
Trotz des Lächelns um seine Lippen musterten sie die Augen des Mannes mit einer Eindringlichkeit, dass Grace sich fühlte, als stünde sie nackt vor ihm. Sie senkte den Kopf, bemühte sich dennoch, dem Blick standzuhalten.
»Indem Sie mich Ihrer Bekannten vorstellen, Mister Doukakis«, antwortete er auf die Frage. »Ich gehe davon, dass Sie Ihre Bekannte ich?«
Brian Doukakis erreichte den Schreibtisch und ließ einen Stapel Papiere auf die Tischplatte fallen. Er rückte seine Brille zurecht. Seine rechte Hand machte eine einladende Bewegung.
»Mister Caine, darf ich vorstellen: Grace Porter, Autorin und - viel zu selten - freie Dozentin hier in Harvard für Schreibkurse. Grace, das ist Luther Caine, ein großer Förderer des Peabody Museums. Ohne ihn, ja, hätte ich praktisch keinen Job.«
Doukakis strich sich durchs Haar und wirkte verlegen.
Luther Caine ging auf die Bemerkung nicht ein und nickte Grace zu.
»Miss Porter, ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
Sie stellte fest, dass er ihr nicht die Hand reichte. Grace setzte ein Lächeln auf.
»Ganz meinerseits, Mister Caine.«
Ihre Stimme kam etwas zu gepresst. Grace musste sich räuspern. »Machen Sie das immer so? Ich meine, sich so anzuschleichen?«
Luther Caine lachte auf.
»Eine alte Angewohnheit. Ich hoffe, Sie können mir vergeben. Ich wollte Sie nicht erschrecken.«
Sein Blick richtete sich auf Brian Doukakis. »Ich hatte allerdings auch nicht damit gerechnet, das Arbeitszimmer unverschlossen vorzufinden. Und dazu noch mit einer unverhofften Besucherin.«
Doukakis zuckte unter dem unverhohlenen Vorwurf sichtlich zusammen. Er strich sich um den Mund und vermied es, Caine anzusehen.
»Das ... Ja, sehen Sie«, er deutete auf den Stapel Papiere, »ich musste mir die Zollunterlagen selbst bei der Poststelle abholen, da die Hilfskraft, die die Post sonst verteilt, heute nicht da ist.«
»Wir waren zum Essen verabredet«, versuchte Grace, ihn zu unterstützen, und gestikulierte mit ihren Fingern. »Das sind wir jeden Montag. Als Brian nicht da war, habe ich in seinem Büro gewartet.«
»Sir, ich weiß, das hier sind die neuen Fundstücke, die Sie mir zugeschickt haben«, erklärte Doukakis. »Ich hatte heute Morgen damit begonnen, sie zu katalogisieren. Aber ein paar von ihnen sind so ungewöhnlich, dass ich etwas länger gebraucht haben, sie zuzuordnen und wegzuschließen. Und in diesen Gebäudetrakt hat kein Unbefugter so einfach Zugang. Wir sind hier ja vom öffentlichen Besucherbereich des Museums getrennt.«
Luther Caine winkte ab.
»Ist schon in Ordnung. Ich habe ja gesehen, dass die Fundstücke in ... guten Händen waren.«
Grace konnte nicht verhindern, wie ihre Wangen bei den Worten erröteten. Sie machte einen Schritt aus dem Licht der Schreibtischlampe und hoffte, dass es niemandem aufgefallen war. Wobei sie dabei allerdings unwillkürlich eher an den hochgewachsenen Mann dachte, als an ihren Bekannten neben ihr.
»Sie arbeiten also nicht im Museum?«, wandte sich Luther Caine an Grace.
Diese schüttelte den Kopf. »Nein, obwohl ich mich langsam auf die Gehaltsliste setzen lassen könnte, so häufig, wie ich hier bin.«
Sie strich mit einem Finger über das dunkle Holz des alten Schreibtisches. Zufrieden registrierte sie den irritierten Blick des Mannes.
»Miss Porter ist Autorin«, erklärte Brian Doukakis.
Jetzt war er wieder da, dieser belustigte Zug um seine Lippen, stellte Grace fest.
»Fachbücher zur Geschichte vielleicht?«, fragte Caine nach.
»Schlimmer«, meinte die junge Frau und rang sich ein Lächeln ab. »Historische Liebesromane.« Sie sagte es mit Stolz in der Stimme - schließlich liebte sie ihre Arbeit - und fürchtete sich gleichzeitig doch davor, wie der Mann vor ihr darauf reagieren würde.
»Und welches Zeitalter haben Sie sich ausgesucht? Empire? Viktorianisch?«, hakte er nach.
Grace atmete innerlich auf. Sie konnte nicht sagen, ob er es ernst meinte, aber er wirkte tatsächlich interessiert.
»Viel früher«, erläuterte sie. »Das alte Ägypten, Babylon. Den Anbeginn unserer Zivilisation, wenn Sie so wollen.«
»Und damit stand sie eines Tages hier auf der Matte. Auf der Suche nach einem ahnungslosen Doktoranden für bronzezeitliche Archäologie«, er wies auf sich, »den sie mit Fragen löchern konnte, wie es sonst nur Studenten tun. Unsinn, vergessen Sie’s, nicht mal die sind so detailversessen!«
Grace senkte bei den Worten den Kopf und schmunzelte. Ihr war bei aller künstlerischer Freiheit eben wichtig, dass die historischen Fakten so korrekt wie möglich waren. Dass Brian und sie sich bei der gemeinsamen Arbeit für ein paar Wochen mal näher gekommen waren, als sie beabsichtigt hatte, das war Vergangenheit.
»Also keine Tochter Jane Austens?«, stellte Luther Caine fest.
Grace sah auf und lachte. Diese Formulierung hatte sie noch nie gehört.
»Nein, wirklich nicht. Ich meine, ich habe sie früher gerne gelesen. Aber es gibt schon sooo viele Geschichten aus der Epoche«, sie verdrehte die Augen, »dass ich mir ein früheres Zeitalter nehmen wollte. Mit Geheimnissen und Rätseln, die bis heute ungelöst sind - und viel Raum zum Fabulieren lassen.«
Sie lächelte den Mann vor sich fast schon entschuldigend an.
»Tatsächlich?«, antwortete Caine nur. Seine Augen schienen sie noch intensiver zu betrachten, falls das überhaupt noch möglich war. Grace musste schlucken. Sie konnte seinem Blick nicht mehr ausweichen.
»Sie hat einfach ’Troja’ mit Brad Pitt einmal zu häufig gesehen«, warf Brian mit einem schiefen Grinsen ein und zerbrach damit den Bann des Augenblicks.
»Idiot!«, erwiderte sie und knuffte ihren Bekannten in die Seite. »Damit geht das Essen auf dich!«
Grace stürzte sich beinahe schon auf dieses belanglose Geplänkel, um der Nähe Luther Caines zu entfliehen. »Wir sollten sowieso langsam aufbrechen«, meinte sie und hakte sich bei Doukakis unter. »Mister Caine, es hat mich gefreut!«, fuhr sie eine Spur schnippischer fort, als beabsichtigt, war aber nicht bereit, sich den Schwung des Augenblicks nehmen zu lassen.
Der Mann vor ihr sah sie an, ohne etwas zu antworten.
Erst nach ein paar Sekunden nickte er leicht und senkte den Kopf ein wenig. Gerade so weit, dass der Blickkontakt zu Grace verloren ging.
»Mich auch, Miss Porter. Beim nächsten Mal werde ich Sie nicht mehr so erschrecken, versprochen.«


»Puuuh«, meinte Grace und strich sich durch ihr weizenblondes Haar.


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